Fragen und Antworten zur Ökomoderne

Hier beantworten wir häufige Fragen zur Ökomoderne, Energie, Kernkraft und weiteren Technologien. Ausführliche Erläuterungen, Quellen und weiterführende Beiträge folgen dort, wo sie für das Verständnis wichtig sind.

Grundsätze der Ökomoderne

Was sind die Werte und Ziele der Ökomodernen?

Wir setzen uns für eine Welt ein, in der alle Menschen, überall auf der Erde, in Wohlstand und Freiheit leben können und Gelegenheit zur Entfaltung ihrer Persönlichkeit haben. Zugleich setzen wir für uns für eine Welt mit florierender natürlicher Umwelt ein.

Wir sehen ein gemischtes Gesamtbild, mit sowohl erfreulichen als auch besorgniserregenden Entwicklungen.

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Lebenserwartung der Menschen fast überall auf der Erde erhöht, die Mütter- und die Kindersterblichkeit sind zurückgegangen, der Gesundheitszustand der Menschen hat sich fast überall verbessert, die Impfraten haben sich erhöht. Der Anteil der Kinder und Jugendliche, die eine Schulbildung erhalten, nimmt weltweit zu. Der Anteil Menschen, die in extremer Armut leben, ist zurückgegangen und geht weiter zurück.

Andererseits hat sich der Anteil Menschen, die nach unseren Maßstäben in Wohlstand leben, nur wenig erhöht. Viele Tier- und Pflanzenarten sind wegen menschlicher Aktivitäten ausgestorben oder gefährdet. Der anthropogene Klimawandel stellt eine große Bedrohung für Ökosysteme und das Wohlergehen künftiger Generationen dar.

Der anthropogene Klimawandel ist ein vertracktes Problem und eine ernsthafte Bedrohung der Menschheit. Er wird verursacht insbesondere durch die Energiegewinnung aus fossilen Brennstoffen — Kohle, Erdöl und Erdgas — wodurch CO2-Emissionen entstehen. Um den Klimawandel zu begrenzen, müssen wir damit aufhören, fossile Brennstoffe zu nutzen.

Dass die derzeitige anthropogene globale Erwärmung wissenschaftlich gut belegt ist und in der politischen Diskussion seit über 50 Jahren durch Berichte aus der Wissenschaft auch der Politik bekannt ist, erläutern wir in einer separaten Q&A.

Dies ist eine große Herausforderung: Historisch gesehen hätte es ohne die Nutzung fossiler Brennstoffe die großen Fortschritte in den Bereichen Gesundheit, Armutsbekämpfung und Ernährung vermutlich so nicht gegeben. Noch heute sorgen fossile Brennstoffe für den Großteil der weltweiten Energieversorgung. Länder, die sich aus der Nutzung fossiler Brennstoffe zurückziehen, ohne vergleichbar günstige Alternativen zu haben, riskieren nicht nur Wohlstandsverluste sondern auch soziale Verwerfungen. Für ärmere Länder mit derzeit noch vergleichsweise niedrigem Energieverbrauch liegt es nahe, auf fossile Energien zu setzen, um ihren Einwohnern mehr Wohlstand und Lebensqualität zu ermöglichen.

Es wird erst dann für alle Länder der Erde attraktiv, ihren CO2-Ausstoß zu senken, wenn kostengünstige alternative Energiequellen zur Verfügung stehen, die nicht zur Emission von Treibhausgasen führen.

Solar- und Windenergie zählen zu den wichtigen Alternativen zu fossilen Energieträgern. Sie sind populär, und sie sind in den vergangenen Jahrzehnten um ein Vielfaches billiger geworden. Heute kostet eine Energieeinheit Elektrizität aus Solar- oder Windenergie in Deutschland vergleichbar viel wie eine Energieeinheit aus einem fossilen Kraftwerk, in manchen Gegenden der Erde bereits weniger.

Bisher ist jedoch keinem Land gelungen, die überwiegende Mehrheit auch nur seines Stromverbrauchs (geschweige denn Gesamtenergieverbrauchs) aus Solar- und Windenergie zu beziehen. Einen Überblick über die CO2-Emissionen pro Kilowattstunde Elektrizität in verschiedenen Regionen gibt electricitymap.org. Da Solar- und Windenergie abhängig von Tageszeit und Wetter sind, benötigt man für Zeiträume ohne Wind und Sonnenschein entweder konventionelle Kraftwerke oder in noch nie dagewesenem Umfang Energiespeicher. Der Betrieb dieser Anlagen kostet Geld. Bei einem hohen Anteil von Solar- und Windstrom scheint Elektrizität daher im Regelfall teurer, zu werden, selbst wenn die Kosten für Windturbinen und Solarpanele weiter immer niedriger werden.

Da die Energiedichte von Sonnenlicht und Wind vergleichsweise niedrig ist, benötigen Solar- und Windenergie vergleichsweise viel Fläche. Sie haben außerdem einen vergleichsweise hohen Material- und Ressourcenaufwand.

Der Klimawandel ist ein so schwerwiegendes Problem, dass es uns zu riskant erscheint, alle unsere Hoffnungen nur auf Sonnen- und Windenergie sowie Energiespeicher zu setzen.

Die Treibhausgasemissionen durch Kernenergie sind pro erzeugter Energieeinheit ähnlich niedrig wie die durch Sonnen- und Windenergie. Frankreich und Schweden haben in den 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts durch den Ausbau der Kernenergie ihren CO2-Ausstoß durch Elektrizität schnell und dramatisch gesenkt, ohne dies als Ziel vor Augen zu haben. Beide Länder haben heute günstige, emissionsarme Elektrizität.

Kernenergie verbraucht vergleichsweise wenig Fläche und Ressourcen. Sie ist außerdem, wie Statistiken zeigen — und auch wenn man es angesichts der Berichterstattung und öffentlichen Meinung in Deutschland kaum glauben mag — eine der sichersten Formen der Energiegewinnung, womöglich die sicherste. Wir befürworten den Einsatz von Kernenergie und halten den deutschen Atomausstieg für eine tragische Fehlentscheidung. Manche von uns haben einen offenen Brief gegen den Kernenergieausstieg in Deutschland verfasst, den man hier unterschreiben kann.

Unsere Haltung zur Kernenergie wird bei vielen Menschen Unverständnis und Befremden hervorrufen. Wir nehmen demnächst zu einigen häufig gestellten Fragen in einem eigenständigen Q&A Stellung.

Wir erwarten, dass neben Solar-, Wind- und Kernenergie auch Wasserkraft und Geothermie wichtige Rollen spielen werden und befürworten CCS sowie BECCS. Geoengineering-Ansätze sollten geprüft und nicht a priori ausgeschlossen werden.

Wir befürworten grundsätzlich intensive Landwirtschaft, durch die es gelingt, auf vergleichsweise wenig Land hohe Erträge zu erzielen. Wir sind außerdem offen für den Einsatz gezielt gentechnisch veränderter Kulturpflanzen, durch die der Einsatz von Pestiziden, Dünger und Bewässerung verringert wird, Pflanzen an besondere Umweltbedingungen angepasst werden (Überschwemmungen, Dürre) oder der Ertrag gesteigert werden kann.

Solche Techniken sollten zudem im Gesamtkontext einer modernen und umweltgerechten Agrarpraxis angewandt werden. Dazu gehören Fruchtwechsel, “no-till” Landwirtschaft, und Verfahren, die eine Resistenzbildung von Schädlingen verhindert. Auch sinnvolle Techniken aus der ökologischen Landwirtschaft sollten integriert werden.

Manchen erscheint der Ökomodernismus „rechts“, weil es vor allem Konservative und Libertäre sind, die unter anderem Kernenergie, Gentechnik und intensive Landwirtschaft befürworten. Anderen erscheint der Ökomodernismus wegen seiner Sorgen um Klimawandel, Armut, Umweltschutz, und eine starke Verantwortlichkeit des Staates „links“, da vor allem Grüne den Umweltschutz im Fokus haben und Linke ein starke Rolle des Staates bis hin zur Verstaatlichung wichtiger Industriezweige fordern.

Ökomodernismus lässt sich nicht im links-rechts-Schema der politischen Positionen einfangen. Dies zeigt sich auch an den politischen Präferenzen von Ökomodernisten und Sympathisanten: Sie repräsentieren fast das gesamte demokratische Spektrum. Wir wollen, dass es so bleibt. Das politisch-ideologische Schubladendenken steht unserem Ziel, neue und pragmatische Lösungen für brennende Fragen zu finden, nur im Weg. Extremistisches Gedankengut lehnen wir entschieden ab.

Wir befürworten gesellschaftlich umstrittene Technologien wie die Kernenergie oder die grüne Gentechnik nicht aus naiver Technologiegläubigkeit heraus, sondern weil wir die ökologischen und wirtschaftlichen Herausforderungen ernst nehmen, denen die Menschheit gegenübersteht. Wir halten es für bei weitem riskanter, diese Technologien von vorne herein auszuschließen, anstatt sie auf überlegte Weise zu nutzen.

Ökomodernisten setzen auf eine sachliche und wissenschaftliche Bewertung des Nutzens und der Risiken aller Technologien ein und erkennen, dass bisherige Einschätzungen falsch sein können. Auch die Erwartungen an künftige Entwicklungen von Technologien sollten nüchtern und realistisch sein.

Kernenergie: Abfälle und Endlagerung

Warum braucht man für hochradioaktiven Abfall besondere Einrichtungen zur Endlagerung?

Der Hauptunterschied zwischen ewig hochgiftigem Chemieabfall und hochradioaktivem Abfall ist die Notwendigkeit, die Strahlung abzuschirmen und die dabei entstehende Wärme abzuführen. Es erscheint zweckmäßig, das Lager so zu gestalten, dass die Materialien gegebenenfalls zurückgeholt werden können für die Nutzung in neuen Reaktortypen. Devanney argumentiert, dass die anfänglich besonderen „Zusatzmaßnahmen“ nach etwa 600 Jahren nicht mehr notwendig seien [5, S. 117, 121].

Hochradioaktiver Abfall ist daher kein unlösbares Ewigkeitsproblem. Er ist eine kleine, konzentrierte und technisch verstandene Stoffmenge. Seine Besonderheit liegt nicht darin, dass sie für immer gleich gefährlich wäre, sondern darin, dass sie am Anfang stark strahlt und Wärme entwickelt. Beides nimmt im Laufe der Zeit stark ab.

Mit dem Begriff hochradioaktive Abfälle bezeichnet man Abfälle mit folgenden Eigenschaften:

  1. Hohe Aktivität ionisierender Strahlung, typischerweise in der Größenordnung von 5 × 10^4 bis 5 × 10^5 TBq/m³.
  2. Das entspricht einer Wärmeerzeugung von etwa 2 bis 20 Kilowatt pro m³ [4].

Zur Abgrenzung: Als mittelradioaktive Abfälle gelten solche, die aufgrund ihres Aktivitätsgehalts lediglich Abschirmmaßnahmen bei der Handhabung erfordern, aber keine Kühlung. Für schwachradioaktive Abfälle ist keine Abschirmung bei der Handhabung oder beim Transport erforderlich.

Hauptquellen hochradioaktiver Abfälle sind abgebrannte Brennelemente aus Kernkraftwerken und verglaste Rückstände aus der Wiederaufarbeitung. Als Größenordnung werden dafür 93 Prozent abgebrannte Brennelemente und 7 Prozent Wiederaufarbeitungsrückstände genannt. Die DIW-Bestandsanalyse beschreibt dieselbe Größenordnung anders: Kernbrennstoffe machen rund 5 Prozent des radioaktiven Abfallvolumens aus, enthalten aber etwa 99 Prozent der gesamten Radioaktivität [1, S. 4].

Abb. 1: Zusammensetzung abgebrannter Brennstäbe heute üblicher Reaktoren. Eigene dt. Nachzeichnung nach Devanney (2025/2026), S. 119, Abb. A.2.

Für abgebrannte Brennstäbe heute üblicher Reaktoren ist eine Endlagerung politisch gewollt und kein zwangsläufig sinnvolles Prozedere: Devanney argumentiert, dass sie unter Nutzung schneller Brüter noch ca. 95 Prozent verwertbare Energie enthalten. Zudem werde bei dieser Verwertung das Volumen hochaktiver Abfälle auf 10 Prozent des ursprünglichen Volumens reduziert [5, S. 119, 124]. Daher sollte man hier eher von Zwischenlagerung sprechen und die Lager rückholbar gestalten.

Die von Devanney verwendete Übersicht ordnet typischen abgebrannten Brennstoff grob in 95 Prozent Uran-238, 1 Prozent Uran-235, 1 Prozent Plutonium-239 und 3 Prozent Spaltprodukte ein [5, S. 119, Appendix A, Figure A.2]. Der eigentliche hochradioaktive Abfallanteil im engeren Sinn sind vor allem die Spaltprodukte. Ein großer Teil des Materials ist dagegen potenziell weiter nutzbarer Kernbrennstoff.

Ein End- oder Zwischenlager für hochradioaktive Abfälle muss im Vergleich zu einem Lager für hochgiftige Industrieabfälle also zusätzlich Strahlung abschirmen und Wärme abführen können.

Allerdings nehmen Strahlung und Wärmeproduktion exponentiell ab, was die Lagerung vereinfacht.

Abb. 2: Abnahme der Aktivität hochradioaktiver Abfälle über die Zeit. Eigene dt. Nachzeichnung nach Nagra (2013), S. 19, Bild 1.

Möchte man einen Vergleich zwischen einem Lager für hochgiftige Chemikalien und einem Lager für hochradioaktive Abfälle machen, muss man zwei Punkte hervorheben.

Erstens: Die Radiotoxizität nimmt stark und rasch ab. Die DIW-Bestandsanalyse beschreibt, dass Spaltprodukte in den ersten Jahrhunderten einen Großteil der Radiotoxizität verursachen, während langlebige Aktinide über lange Zeit relevant bleiben; nach ca. 10.000 Jahren erreichen abgebrannte Brennelemente demnach das Strahlungsniveau natürlich vorkommenden Urans [1, S. 5-6, Abbildung 2]. Bryan und Siegel beschreiben denselben Grundmechanismus: Die anfängliche Gefährdung wird vor allem von kurzlebigen Radionukliden wie Caesium-137 und Strontium-90 getragen; nach sehr langen Zeiten dominieren andere, deutlich schwächere Restbeiträge [3, S. 15-16, Figure 2]. Regulärer Arsenabfall bleibt dagegen Arsenabfall. Er hat keine Halbwertszeit.

Zweitens: Das Abfallvolumen ist äußerst gering im Verhältnis zur erzeugten Strommenge und im Vergleich mit anderen Stromerzeugungsarten. Allein in dem Chemieabfall-Endlager Herfa-Neurode lagert rund 100-mal mehr Abfall als der gesamte hochradioaktive Abfall Deutschlands [6]. Das ist kein Argument gegen sorgfältige nukleare Endlagerung, sondern ein Maßstabsvergleich: In anderen Industriebereichen akzeptieren wir dauerhaft giftige Stoffe in sehr großen Mengen.

Abb. 3: Volumen verbrauchter Brennelemente bei lebenslanger Stromversorgung einer Person. Eigene dt. Nachzeichnung nach Devanney (2025/2026), S. 118.

Hauptargument für Rückholbarkeit ist die Ermöglichung der energetischen Verwertung, sobald auch bei uns schnelle Brüter vorhanden sind, und damit einhergehend die drastische Reduzierung der Menge der langfristig kontrolliert einzulagernden hochaktiven Abfälle.

Abb. 4: Erzeugbare Brennstoffjahre bei vollständiger Kernenergieversorgung der Erde; logarithmische Skala. Eigene dt. Nachzeichnung nach Devanney (2025/2026), S. 122, Abb. A.5; Berechnung nach Touran (2020).

Einordnung: Die Werte in Abbildung 4 sind als Größenordnungen zu verstehen, nicht als Prognose eines festen Erschöpfungszeitpunkts. Sie setzen einen bestimmten globalen Energieverbrauch und bestimmte Ressourcenannahmen voraus. Touran nennt für die zugrunde liegende Rechnung unter anderem 584 Exajoule globalen Primärenergieverbrauch im Jahr 2019, 6,1 Millionen Tonnen gesicherte Uranvorkommen, 6,3 Millionen Tonnen Thorium, rund 4 Milliarden Tonnen Uran im Meerwasser und langfristige Nachlieferung aus der Erdkruste durch Erosion, Abfluss und Plattentektonik [7]. Die 530.000 Jahre in der Grafik sind daher kein „Ablaufdatum“, sondern eine Rechengröße unter den jeweiligen Annahmen.

Nach Devanneys Anhang A ist die erzeugbare Strommenge bei Resteverwertung durch schnelle Brüter ca. 135-mal höher als ohne [5, S. 122, Appendix A, Figure A.5]. Wenn dabei der hochradioaktive Müll auf 10 Prozent des ursprünglichen Volumens reduziert werden kann, erlaubt das eine enorme Verkleinerung des Lagers bezogen auf eine bestimmte Strommenge, bzw. eine entsprechend höhere Ausnutzung eines bestehenden Lagers [5, S. 124].

In Deutschland ist Rückholbarkeit ohnehin Teil des Verfahrens: Das Standortauswahlgesetz schreibt die Möglichkeit der Rückholung der radioaktiven Abfälle im Betriebszeitraum und eine Bergungsmöglichkeit für 500 Jahre nach dem geplanten Verschluss des Endlagers vor [1, S. 17].

Bei diesem Thema muss man drei Arten von Strahlung unterscheiden:

  • α-Partikel (Heliumkerne)
  • β-Partikel (Elektronen)
  • γ-Partikel (Photonen)

Streng genommen ist beim Umgang mit abgebranntem Brennstoff auch Neutronenstrahlung zu beachten. Sie wird in Transport- und Lagerbehältern mit abgeschirmt. Für die Einordnung ist aber wichtig: Devanney nennt Neutronen zwar ausdrücklich als vierte, durchdringende Strahlungsart, weist aber darauf hin, dass die Neutronen-Dosisrate wesentlich kleiner ist als die Photonendosis und schneller abfällt [5, S. 120].

Alpha- und Beta-Partikel dringen nicht weit ein und sind deshalb bei Feststoffen unkritisch, solange man sie weder isst noch inhaliert. Vor allem Gamma-Strahlen bestimmen die Dauer der äußeren Abschirmung.

Abb. 5: Dosisrate an der Oberfläche eines Brennelements im Zeitverlauf. Eigene dt. Nachzeichnung nach Devanney (2025/2026), S. 121, Abb. A.4.

Devanney zeigt anhand von Abb. A.4, dass die Photonendosis an der Oberfläche abgebrannter Brennelemente bis etwa Jahr 600 so weit absinkt, dass die Brennelemente nach US-DOE-Regeln ohne zusätzliche Abschirmung gehandhabt werden können („contact handled“) [5, S. 121, Abb. A.4]. Abschirmung ist also vor allem in den ersten Jahrhunderten nötig, nicht über die oft genannten Millionen Jahre.

Nagra zeigt denselben zeitlichen Grundpunkt für hochaktive Abfälle: Die Anteile mit kurzer Halbwertszeit verursachen anfangs den Hauptteil der Aktivität und fallen dann rasch ab; im Jahr 2250 liegt die Strahlung eines Lagers für hochaktive Abfälle bei 3,3 Prozent gegenüber dem Referenzjahr 2050 [2, S. 19, Bild 1]. Radioaktive Abfälle von schnellen Brütern strahlen zwar stärker, verlieren aber dafür ihre Aktivität viel schneller; nach Devanney ist hier von rund 300 Jahren die Rede [5, S. 123].

Für ein geologisches Tiefenlager ist direkte Strahlung langfristig nicht das zentrale Problem. Nagra beschreibt, dass schon zwei Meter Gestein die Strahlung aus einem geologischen Tiefenlager zuverlässig abschirmen; in zwei Metern Tiefe in der Stollenwand ist die natürliche Strahlung aus dem Gestein höher als die Strahlung aus den hochaktiven Abfällen [2, S. 16-17]. Das reale Endlager liegt mehrere hundert Meter tief.

Die Wärmeentwicklung ist mit der Strahlung gekoppelt und nimmt entsprechend im Laufe der Zeit ab. Daher gehen die Brennstäbe zuerst in ein mit Wasser gefülltes Abklingbecken, danach in Behälter, die durch Luftzirkulation gekühlt werden, und schließlich in ein Endlager, bei dem das umgebende Material, etwa Gestein, in der Lage ist, die verbleibende geringe Restwärmeproduktion abzuführen.

In Deutschland sind die Zwischenlager Trockenlager; die Behälter werden durch passive Luftzirkulation beziehungsweise Naturzugkühlung gekühlt [1, S. 28]. Solche Lager können im Prinzip lange Zeit stehen bleiben und benötigen im Normalbetrieb keine aktive Kühlung im Sinne technischer Pump- oder Kältesysteme. Der Punkt ist einfach: Wärmeabfuhr ist eine reale Zusatzanforderung, aber sie ist technisch beherrscht und nimmt mit der Zeit ab.

Abb. 6: Lager neben einem Kernkraftwerk in den USA mit passiver Luftzirkulation. Quelle: Devanney (2025/2026), S. 118-119, Abb. A.1 (Ausschnitt).

Ted Rockwell meinte 1996 provokant, die USA hätten viele Probleme, aber Atommüll gehöre nicht dazu; das eigentliche Problem seien „silly ideas like million-year isolation vaults“, während ein Warnschild mit „DO NOT EAT THE GLASS“ genügen würde [5, S. 117]. Devanney verweist dazu auf Beispiele von Lagern in den USA und in den Niederlanden, unter anderem auf ein öffentlich zugängliches niederländisches Lager, das auf eine Lebensdauer von 300 Jahren ausgelegt ist [5, S. 118-119, 123].

Abb. 7: Oberflächennahes Lagerfeld in den USA („Histore Pad“). Quelle: Devanney (2025/2026), S. 123, Abb. A.6 (Ausschnitt).

Abb. 8: HABOG in den Niederlanden. Quelle: Devanney (2025/2026), S. 123, Abb. A.7.

Abb. 9: Innenansicht von HABOG. Quelle: Devanney (2025/2026), S. 123, Abb. A.8 (Ausschnitt).

Der Punkt dahinter ist wichtig: Man muss unterscheiden zwischen einem Zwischenlager, das institutionelle Kontrolle, Zugang und Rückholbarkeit ermöglicht, und einem Endlager, das ohne dauerhafte menschliche Betreuung funktionieren soll. Geologische Tiefenlagerung ist nicht deshalb vorgesehen, weil der Abfall eine Million Jahre lang gleich gefährlich wäre. Sie ist vorgesehen, weil man einen passiven Sicherheitszustand erreichen will, bei dem spätere Generationen nicht auf Bewachung, Wartung oder politisches Funktionieren angewiesen sind.

Die technische Sicherheitslogik eines Tiefenlagers ist daher nicht ein magischer „Million-Jahre-Bunker“, sondern ein gestaffelter Einschluss. Nagra beschreibt dafür ein Barrierensystem aus Abfallform, Metallbehälter, quellfähigem Verfüllmaterial und Wirtsgestein: Hochaktive Abfälle und Metallbehälter sind nicht wasserlöslich; Verfüllmaterial und Wirtsgestein dichten gegen eindringendes Wasser ab [2, S. 16-17, Bild 2].

Der entscheidende Langzeitpfad ist nicht Strahlung durch den Berg, sondern Wasser: Wasser könnte Stoffe lösen und transportieren. Bryan und Siegel beschreiben die zugrunde liegenden geochemischen Mechanismen: Löslichkeit, chemische Form, Sorption, Kolloidtransport, Grundwasserchemie und Gesteinsmaterial bestimmen, wie mobil Radionuklide überhaupt werden können [3, S. 3].

Hochradioaktiver Abfall braucht besondere Einrichtungen, weil er am Anfang stark strahlt und Wärme entwickelt. Genau darin liegt der Unterschied zu ewig hochgiftigem Chemieabfall. Diese Zusatzanforderungen sind aber zeitlich begrenzt. Nach einigen Jahrhunderten sind Abschirmung und Wärmeabfuhr nicht mehr das zentrale Problem.

Langfristig bleibt wie bei anderen Giftstoffen die Aufgabe, eine Freisetzung in die Biosphäre zu verhindern. Dafür gibt es gestaffelte Barrieren, geologische Isolation, Rückhol- und Bergungskonzepte sowie eine sehr strenge Sicherheitsanforderung über eine Million Jahre. Diese Million Jahre bedeuten nicht, dass Atommüll eine Million Jahre lang gleich gefährlich bleibt. Sie zeigen vielmehr, dass für ihn ein deutlich anspruchsvollerer Sicherheitsmaßstab gilt als für viele andere industrielle Giftstoffe.

Aus physikalisch-technischer Sicht ist Atommüll daher kein unlösbares Problem. Im Vergleich zu dauerhaft giftigen Chemieabfällen ist seine Anfangsphase anspruchsvoller, seine Strahlungs- und Wärmeleistung nimmt aber stark ab; übrig bleibt eine technisch beherrschbare Aufgabe des langfristigen Einschlusses.

 

Hinweis zu den Abbildungen: Grafiken wurden, soweit angegeben, als deutsche Nachzeichnungen auf Basis der genannten Quellen erstellt; Beschriftung und Gestaltung wurden redaktionell angepasst.

[1] Wimmers et al. (2025): Entsorgung radioaktiver Abfälle in Deutschland: Eine Einführung in die rechtlichen und technischen Hintergründe sowie Bestandsanalyse. DIW Data Documentation 110. https://doi.org/10.18723/diw_ddc:2025-110

[2] Nagra (2013): Wussten Sie, … Erstaunliches zu Radioaktivität und Entsorgung. Themenhefte zur nuklearen Entsorgung. https://nagra.ch/wp-content/uploads/2022/08/d_th6_wussten-sie.pdf

[3] Bryan, C. R., & Siegel, M. D. (2003): Environmental Geochemistry of Radioactive Contamination. Sandia National Laboratories, SAND2003-2063. https://doi.org/10.2172/915153

[4] Chemie.de: Hochradioaktiver Abfall. https://www.chemie.de/lexikon/Hochradioaktiver_Abfall.html

[5] Devanney, J. (2025/2026): We Can Make Nuclear Cheap Again. 2. Aufl., The GKG Press. PDF-Download, Stand 03.04.2026; Seitenangaben nach PDF. https://jackdevanney.substack.com/p/we-can-make-nuclear-cheap-again-now

[6] Wikipedia: Untertagedeponie Herfa-Neurode. https://de.wikipedia.org/wiki/Untertagedeponie_Herfa-Neurode

[7] Touran, N. (2020): Nuclear fuel will last us for 4 billion years. What is Nuclear, 28.10.2020. https://whatisnuclear.com/blog/2020-10-28-nuclear-energy-is-longterm-sustainable.html

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