Interview: Vom Anti-Atom-Aktivisten zum Ökomodernisten

Aus Anlass des 40. Jahrestag des Unfalls von Tschornobyl* (Tschernobyl) – der bekanntesten, aber am wenigsten verstandenen Tragödie der Kernenergie – sprechen wir mit Serhii Kurykin, einem ehemaligen Anti-Atom-Aktivisten, Politiker und heute Gründer von WePlanet Ukraine.

Kurykin war ukrainischer Minister für Ökologie und natürliche Ressourcen. Als Mitbegründer der Vereinigung „Grüne Welt“ und der Partei der Grünen der Ukraine war er Abgeordneter, Mitglied der Parlamentarischen Versammlung des Europarats und später stellvertretender Umweltminister. Heute arbeitet er freiberuflich als Berater für Umweltpolitik und ist Mitbegründer von WePlanet Ukraine. Im Gespräch mit WePlanet reflektiert Serhii Kurykin über Tschornobyl, Wandel und die Zukunft der Ukraine.

WePlanet: Serhii, in diesem Monat jährt sich der Unfall von Tschornobyl. Sie haben ihn in Kyjiw aus nächster Nähe miterlebt. Können Sie uns in diesen Moment zurückversetzen?

Serhii Kurykin: So etwas vergisst man nie. Zunächst herrschte Schweigen. Absolutes Schweigen seitens der Behörden. Erst zwei Tage später gab die Regierung — in nur drei vagen Sätzen — zu, dass ein „Unfall“ passiert sei. Keine Details. Keine echte Warnung. Anstelle von Fakten gab es Gerüchte. Anstelle von Schutz herrschte Panik. Die Menschen flohen aus Kyjiw. Zu Recht, denn die Strahlenwerte waren deutlich gestiegen. Nur der Wind hat uns vor Schlimmerem bewahrt. Doch der Regierung ging es mehr um den Schein. Sie erzwang eine riesige Demonstration zum 1. Mai. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen — Tausende Menschen, die unwissentlich unter einer radioaktiven Wolke paradieren.

WePlanet: Sie beschreiben Tschornobyl nicht nur als technische, sondern als politische Katastrophe.

Serhii Kurykin: Absolut. Tschornobyl zerstörte die Illusionen über Gorbatschows „Perestroika“. Es zeigte, dass trotz der Rhetorik der Reform die wahren Instinkte des Systems Geheimhaltung, Verleugnung und Kontrolle waren. Es offenbarte, wie sehr Menschenleben entbehrlich waren, um das Bild der Stärke zu wahren. Die Explosion setzte nicht nur radioaktive Partikel frei — sie entfachte auch ein tiefes Misstrauen, das den ukrainischen Drang nach Unabhängigkeit mit antrieb.

WePlanet: Wie hat die Katastrophe Ihr eigenes Engagement beeinflusst?

Serhii Kurykin: Tschornobyl war der Auslöser. 1987 gründeten wir die Ukrainische Umweltvereinigung „Selenyj Swit“ — Grüne Welt. Es war die erste offiziell registrierte landesweite Umweltorganisation. Sie wurde zum Dach für Dutzende kleinere Gruppen, die sich für ökologische und demokratische Veränderungen einsetzten. Später, 1990, gründeten einige von uns die Partei der Grünen der Ukraine. Im Kern war dies jedoch nicht nur eine Umweltbewegung. Es ging um Demokratie. Um Wahrheit. Das Vorgehen der Sowjetregierung bei Tschornobyl lehrte uns: Ökologische Sicherheit lässt sich nicht von politischer Freiheit trennen.

WePlanet: Nach einer so prägenden Erfahrung — was hat Sie dazu gebracht, Ihre Haltung zur Kernenergie zu überdenken?

Serhii Kurykin: Das Leben überrascht. Weniger als zwanzig Jahre nach der Katastrophe wurde ich gebeten, den Öffentlichen Rat des Staatlichen Komitees für Nuklearaufsicht zu leiten. Das ist ein ehrenamtliches Gremium aus NGOs und unabhängigen Expertinnen und Experten. Ziel ist es, mehr Transparenz in die Nuklearaufsicht zu bringen. Als ich anfing, trug ich all meine alten Vorurteile mit mir. Für mich – wie für viele Umweltschützer – war Anti-Atom fast heilig. Ich erwartete ständige Konflikte mit dem Nuklearestablishment. Doch stattdessen geschah etwas anderes.

WePlanet: Was haben Sie herausgefunden?

Serhii Kurykin: Zuerst: die Menschen. Es gibt keine „Zufallsprofis“ in der Kernenergie. Wer dort arbeitet, ist außergewöhnlich gut ausgebildet, extrem engagiert und sich der enormen Verantwortung voll bewusst. Anders überlebt man in diesem Bereich nicht. Zweitens: die Systeme. Wenn Kernkraftwerke richtig gebaut und richtig betrieben werden, sind sie bemerkenswert sicher. Der Routinebetrieb ist auf Prävention ausgelegt. Ständige Wachsamkeit gehört im Kernkraftwerk zum Alltag. Der Reaktor von Tschornobyl — der RBMK-1000 — war tiefgreifend fehlerhaft, auch weil er eine Doppelnutzung hatte: für zivile und militärische Zwecke. Moderne Reaktoren sind anders. Man hat gelernt.

WePlanet: Wie haben sich Ihre Ansichten nach den Jahren innerhalb des Systems entwickelt?

Serhii Kurykin: Fünf Jahre im Öffentlichen Rat haben mich grundlegend verändert. Mir wurde klar: Die Kernenergie pauschal abzulehnen, schützt die Umwelt nicht — es gefährdet sie. Natürlich war mein Weg persönlich. Aber auch die ukrainische Gesellschaft hat sich gewandelt. 1993 hoben wir das Moratorium für neue Kernkraftwerke auf. Bis 2000 schalteten wir die verbleibenden Reaktoren in Tschornobyl ab. Und wir begannen, eng mit westlichen Partnern zusammenzuarbeiten, um Vertrauen wieder aufzubauen und Standards zu verbessern. Der ukrainische Nuklearsektor wurde etwas anderes — etwas Besseres.

WePlanet: Wie sieht die Ukraine heute die Kernenergie?

Serhii Kurykin: Kernkraft ist eine Säule unserer Energiesicherheit. Unsere Energiestrategie bis 2035 sieht eine 50/50-Mischung aus Kernenergie und Erneuerbaren vor. Das zeigt, wie weit wir gekommen sind. Ukrainerinnen und Ukrainer haben Krieg, Stromausfälle und russische Raketenangriffe erlebt. Sie verstehen — schmerzlich — den Wert sicherer, kohlenstoffarmer Elektrizität. Kernenergie wird heute nicht nur toleriert. Sie wird unterstützt, weil sie unverzichtbar ist.

WePlanet: Gibt es für die Kernenergie in der Ukraine noch Herausforderungen?

Serhii Kurykin: Absolut. Die großen Fragen betreffen heute das „Wie“, nicht das „Ob“. Wie können wir abgebrannte Brennelemente wirksamer nutzen? Wie können wir den Wasserverbrauch in Kraftwerken senken? Wie integrieren wir neue Technologien wie Small Modular Reactors? Und wie stellen wir sicher, dass Kernenergie die Erneuerbaren ergänzt und nicht mit ihnen konkurriert? Der EU-Beitritt wird Türen öffnen — für Zusammenarbeit, Finanzierung und Innovation. Gemeinsam mit Europa kann die Ukraine eine sicherere, sauberere Zukunft bauen.

WePlanet: Sie erwähnten eine andere Art von Angst — nicht vor der Technik, sondern vor dem Krieg.

Serhii Kurykin: Ja. Unsere nuklearen Ängste betreffen heute nicht die Reaktorsicherheit. Es geht um russische Raketen. Um Terrorismus. Ein einziger Schlag gegen ein KKW könnte katastrophal sein. Aber das ist kein Argument gegen Kernenergie — es ist ein Argument gegen Krieg. Es erinnert uns daran, dass der wahre Feind nicht die Technologie ist. Es sind Gewalt, Geheimhaltung und Tyrannei — dieselben Kräfte, die Tschornobyl hervorgebracht haben.

WePlanet: Serhii, Ihr Weg vom Anti-Atom-Aktivisten zum Öko-Pragmatiker ist beeindruckend. Was würden Sie jungen Umweltschützerinnen und Umweltschützern heute sagen?

Serhii Kurykin: Ich würde ihnen sagen: Habt keine Angst, euch zu ändern. Seid der Wahrheit treu, nicht den Parolen. Vertraut der Wissenschaft. Schaut auf reale Risiken, reale Vorteile und reale Chancen. Und denkt immer daran — wenn wir einen sicheren, blühenden Planeten wollen, brauchen wir jedes verfügbare Werkzeug. Auch die Kernenergie.

WePlanet: Lieber Serhii, vielen Dank für das Interview!

Dieses Gespräch erschien im englischen Original ursprünglich auf der Internationalen Seite von WePlanet.

* Tschornobyl ist die offizielle ukrainische Transliteration der Stadt und des Unglücksortes und spiegelt die korrekte ukrainische Schreibweise (Чорнобиль) wider, während Tschernobyl die russisch abgeleitete Schreibweise ist, die in der Sowjetzeit international verwendet wurde.

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