24.637 Tote. – 74 Milliarden Euro verschwendet. – 950 Millionen Tonnen Emissionen.
40 Jahre Tschernobyl, aber „In Deutschland nichts Neues“: Angstmacherei wohin man blickt. Verschwiegen wird eine andere Bilanz: Wie ein neuer gemeinsamer Bericht von WePlanet und dem Anthropocene Institute enthüllt, starben bis heute fast 25.000 Menschen an den Folgen des Atomausstiegs, nämlich an der Luftverschmutzung aus Kohlekraftwerken, die den fehlenden Strom aus den stillgelegten AKW ersetzten. Verglichen mit den Opferzahlen von Tschernobyl entspricht das sechsmal Tschernobyl in nur 15 Jahren – alle zweieinhalb Jahre einmal Tschernobyl.
Ohne Rückkehr zur Kernkraft werden diese Zahlen in den kommenden Jahren weiter steigen: Parallel zum neuen Bericht startet WePlanet deshalb heute die Webseite https://neustartkernenergie.de/, auf der Besucher selbst ausprobieren können, welchen Nutzen ein Neustart der stillgelegten Kraftwerke hätte, wie viele Menschenleben sich retten, wieviel Kosten sich einsparen ließen.
Am kommenden Sonntag, 26. April 2026, sind es 40 Jahre seit der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Deutschland folgt der üblichen Routine: ARD, ZDF und Arte bringen gleich drei neue Dokumentationen und auf TV-Magazine versprechen Tipps, “welche Sie auf keinen Fall verpassen dürfen!”. Kirchen verbreiten mit Bildern krebskranker Kinder Angst und laden zu passenden Gedenkgottesdiensten. In anderen Medien heißt es, “Überlebende brechen ihr Schweigen” und vergleichen das Unglück mit dem Krieg: “als würde sich das Ganze wiederholen. Wieder müssen wir unser Zuhause verlassen”. Das DDR-Museum in Berlin schließlich fragt, ob Tschernobyl etwa der Sargnagel der DDR gewesen sein könnte. (Der Clown in mir denkt: Also hatte Tschernobyl doch was Gutes? Oder sollte ich umgekehrt nun zum Kernkraftgegner werden? Sie wissen schon: All die AfD-Fans da drüben. Manchmal wünsche ich mir den Zaun zurück.) Schließlich beglücken uns die Grünen im Bundestag mit einem Antrag „40 Jahre Tschernobyl – Atomkraft bleibt unwirtschaftliche Hochrisikotechnologie“.
40 Jahre ist es auch her, dass eine 13-jährige Version von mir im Kalkstein der nahen Baustelle für die ICE-Trasse nach Versteinerungen wühlte. Einige Tage später überhörte ich dann zufällig, wie eine Freundin meiner Mutter erklärte, sie hätte nicht aufgepasst und ich müsse nun bestimmt bald sterben. Wegen “der Wolke”. Das sei überall in den Nachrichten. Für einen 13-jährigen ist das sehr beeindruckend, glauben Sie mir.
40 Jahre sind vergangen, aber “In Deutschland nichts Neues”. So zumindest der Eindruck, wenn man sich die Berichterstattung anschaut. Als ob nicht auch der Bericht der WHO zu den Folgen von Tschernobyl inzwischen 20 Jahre alt ist, in dem es heißt, »die Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit waren nicht annähernd so gravierend wie zunächst befürchtet«. Als ob es seit 1986 keine neuen Erkenntnisse in der Strahlenmedizin gegeben hätte: Bereits 2007 stellte die Internationale Strahlenschutzkommission (ICRP) fest: »Insbesondere die Berechnung von Krebstodesfällen auf der Grundlage kollektiver effektiver Dosen bei trivialen Expositionen großer Bevölkerungsgruppen ist nicht sinnvoll und sollte vermieden werden.” Im Jahr 2012 schließlich änderte auch »Wissenschaftliche Ausschuss der Vereinten Nationen zur Untersuchung der Auswirkungen atomarer Strahlung« (UNSCEAR) seine Empfehlungen für das Abfassen wissenschaftlicher Arbeiten zu den Folgen niedriger Strahlendosen für große Bevölkerungsgruppen. Spätestens seitdem sind all die gewaltigen Opferzahlen, die 1986 durch die Medien spukten und uns so viel Angst machten, veraltet. Sie waren schlicht falsch. Natürlich hindert das Greenpeace nicht daran, auch im Jahr 2026 noch immer die Zahl von 93.000 zu erwartenden Krebstoten zu verbreiten. Ermittelt mit veralteten Methoden und entgegen den Empfehlungen aller relevanten Fachgesellschaften – aber das erfährt man bei Greenpeace natürlich nicht.
Vergleicht man unseren heutigen Wissenstand zu den Folgen von Radioaktivität mit dem vor 40 Jahren, lässt sich ein beständiger Trend erkennen, einstmals überschätzte Risiken nach unten zu korrigieren. Genau umgekehrt verhält es sich mit Luftverschmutzung: Luftverschmutzung ist tödlich, und je mehr wir über sie wissen, desto tödlicher ist sie: Als die WHO im Jahr 2005 erstmals Richtlinien zu Feinstaub veröffentlichte, galt ein Grenzwert von 10 Mikrogramm pro Kubikmeter als unbedenklich, 2021 wurden dieser Wert auf 5 Mikrogramm halbiert. Im Abschlussbericht der Ethikkommission hingegen, auf den die Bundesregierung 2011 ihren Ausstiegsbeschluss stützte, wurde Luftverschmutzung kein einziges Mal erwähnt. Stattdessen wurde für »saubere Kohle« geworben, also Kohle mit CO₂-Speicherung. Heute ist die Technologie mausetot, damals witterte man ein großes Geschäft: »Die Kohleverbrennung zu einer sauberen Technologie zu machen, liegt daher in der Verantwortung insbesondere Deutschlands. […] Deutschlands umfangreiches technisches Wissen in der Kohlechemie und -verbrennung kann hier zusätzliche Chancen bieten.«
Wann werden unsere Kirchen anfangen, in Gottesdiensten den Opfern der Luftverschmutzung aus Kohleverbrennung zu gedenken?
Sechsmal Tschernobyl seit 2011
Während aus Anlass des Tschernobyl-Jubiläums die üblichen Verdächtigen einmal mehr überall im Land die Anti-Atom-Trommel rühren, haben wir von WePlanet ausgerechnet, welche Folgen, der Atomausstieg und die damit einhergehende verstärkte Kohleverbrennung für unsere Gesundheit hat. Das Ergebnis ist verheerend: Zwischen Mai 2011 und März 2026 starben fast 25.000 Menschen an den Folgen zusätzlicher Kohleverbrennung, so das Ergebnis unseres Reports DEUTSCHLANDS ATOMAUSSTIEG – Die wahren Kosten für Menschen, Klima und Wirtschaft. Nimmt man zum Vergleich die Schätzung der WHO von 4.000 Toten infolge der Tschernobyl-Katastrophe, zeigt sich: Der Atomausstieg bedeutete in etwa sechsmal Tschernobyl in 15 Jahren. Dabei kommen neuere Arbeiten zu Tschernobyl noch zu deutlich niedrigeren Opferzahlen. Aber selbst wenn man die zu hohen, auf veralteten Modellen beruhenden Zahlen nimmt, ändert das an der politischen Botschaft nichts: Kohleverbrennung tötet schon im Normalbetrieb viel mehr Menschen als die größte Katastrophe in der Geschichte der Kernkraft.
Ein weiterer Bericht von WePlanet und dem Anthropocene Institute verdeutlicht denselben Zusammenhang, indem er der Frage nachgeht, “Was wäre, wenn Tschernobyl ein Kohlekraftwerk gewesen wäre?” Die Antwort: Selbst, wenn man nur jenen Strom zugrunde legt, den die Tschernobyl-Reaktoren bis zu ihrer vorzeitigen Stilllegung tatsächlich ans Netz lieferten (der letzte Reaktor wurde am 31. Dezember 2000 abgestellt), wären im Fall einer alternativen Erzeugung dieses Stroms aus Kohle mehr Menschen an Luftverschmutzung gestorben (nämlich mindestens 6.000) als infolge des Reaktorunfalls. Die Reaktoren waren allerdings für viele Jahrzehnte gedacht, und würden als Kohlekraftwerke wohl bis heute Strom liefern: Nach unseren Berechnungen hätte dieses „Kohle-Tschernobyl” bereits bis 2023 mindestens 33.000 Menschenleben gefordert. Berücksichtigt man die damals weniger strengen Umweltstandards, steigt die Zahl sogar auf über 100.000. Die schlimmste Atomkatastrophe der Geschichte forderte weit weniger Todesopfer als der normale Betrieb eines Kohlekraftwerks ähnlicher Größe!
Dabei sind die vermeidbaren Todesfälle nur die schwerwiegendste Folge: Hinzu kommen
- fast eine Viertel Millionen schwere Erkrankungen.
- 950 Millionen Tonnen CO2, die freigesetzt wurden, um den fehlenden sauberen Strom aus Kernenergie zu ersetzen.
- Allein im europäischen Emissionshandel entstanden bisher so Kosten von über 74 Milliarden Euro.
- Weitere Kosten durch den Klimawandel oder durch
- Umweltschäden infolge freigesetzter Schwermetalle sind hierbei noch nicht einmal berücksichtigt.
Neustartkernenergie – jetzt!
All diese Zahlen kennen in den kommenden Jahren nur eine Richtung: Weiter nach oben. Bereits im Spätsommer, spätestens im Herbst werden unsere Gesamtemissionen infolge des Atomausstiegs die Schwelle einer Gigatonne CO₂ übersteigen. Die Anzahl der Toten wird unaufhaltsam weiter auf über 30.000 steigen und uns so “weitere Tschernobyls” bescheren – bis wir endlich unsere letzten Kohlekraftwerke abgeschaltet haben. Es sei denn, wir schaffen den Ausstieg vom Ausstieg: Noch lassen sich die stillgelegten Kernkraftwerke mit überschaubarem Aufwand instandsetzen und ans Netz bringen. Auf diesem Weg könnten wir (zehn-) tausende von Menschenleben retten, hunderte Millionen Tonnen CO₂ und zweistellige Milliardensummen im Emissionshandel einsparen.
Probieren Sie es selbst aus: Zusammen mit unserem Bericht starten wir die Seite https://neustartkernenergie.de/, wo ihr mit einem interaktiven Werkzeug unsere Kernkraftwerke einzeln oder im Block virtuell wieder anschalten und die Änderungen bis 2040 unter verschiedenen Szenarien vergleichen könnt. Das kleine Tool beruht auf den Daten des aktualisierten Berichts von Radiant Energy zum Zustand der deutschen Kernkraftwerke (wird in Kürze veröffentlicht) und berücksichtigt die Zeit, die es nach einem entsprechenden Beschluss dauert, bis der jeweilige Reaktor wieder am Netz wäre.
Wir wünschen tolle Erkenntnisse! – Auf dass zum 50. Tschernobyl-Jubiläum unsere Kernkraftwerke wieder laufen und die Kohlekraftwerke abgeschaltet sein mögen!

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