«Antinukleare Ökologen sind von gestern»
Der Energie Club Schweiz hatte gut geplant: Tea Törmänen, Biologin, 43 Jahre alt, eine der bekannten Figuren der finnischen Grünen und Leiterin des Arbeitsbereichs Globale Entwicklung bei WePlanet, sollte in Genf mit Grünen und Grünliberalen über die Rolle der Kernenergie im Klimaschutz diskutieren. Hintergrund ist die voraussichtlich Anfang kommenden Jahres anstehende Abstimmung über die Zukunft der Kernenergie, nachdem das Parlament im Juni das Verbot für den Bau neuer Kernkraftwerke aufgehoben und den Weg für einen Ersatzneubau bestehender Reaktoren freigemacht hat. Fünfzehn Minuten sollte es für jede Seite geben, danach Fragen aus dem Publikum. Doch es kam anders: Zwei Wochen vor dem Termin zogen die Genfer Grünen ihre Teilnahme zurück. Eine Begründung kennt Törmänen nicht. «Sehr schade», sagt sie im Interview mit der Tageszeitung 24 heures, die den Vorgang aufgriff. Anders machten es die Liberalen Grünen: Sie nahmen die Einladung an und nutzten das Podium, um ihre Sicht der Dinge zu präsentieren.

Tea Törmänen in Genf, September 2026
Kernenergie? Für Finnlands Grüne längst normal
Dass ausgerechnet eine Grüne für Kernenergie wirbt, ist in Finnland kein Widerspruch mehr. Dort hat binnen zwei Jahrzehnten praktisch das gesamte Parteienspektrum seine Ablehnung aufgegeben, und die meisten Umweltorganisationen ebenso. Törmänen datiert den Anfang auf 2008, als sich in der Partei die Gruppe «Greens for Science and Technology» bildete. Der Wendepunkt kam 2018 mit dem IPCC-Sonderbericht zur 1,5-Grad-Grenze: Vielen Aktivistinnen und Aktivisten wurde klar, dass es schneller gehen musste und der Kampf den fossilen Energieträgern gelten sollte – nicht den verschiedenen CO₂-armen Technologien untereinander. Der russische Überfall auf die Ukraine 2022 besorgte den Rest.
Törmänens Argument ist einfach und lässt sich schlecht abtun: «Mit einer auf den Rücken gebundenen Hand zu kämpfen, indem man die Kernenergie ablehnt, ist keine gute Strategie.» Wer das Klima ernst nimmt, sagt Törmänen, muss alle verfügbaren emissionsarmen Technologien einsetzen. Auf die üblichen Einwände antwortet sie als Naturwissenschaftlerin: Pro Kilowattstunde gehört Kernenergie zu den sichersten Energiequellen; sie braucht wenig Fläche und vergleichsweise wenig Rohstoffe; und das Endlagerproblem sei in Finnland mit Onkalo technisch gelöst – was bleibe, sei ein politisches Problem, kein wissenschaftliches.
Interessant ist, wie der finnische Sinneswandel zustande kam. Die Partei habe eine offene Debatte darüber eingerichtet, in der sich Befürworter äussern konnten, ohne angegriffen zu werden, sagt Törmänen. «Das hat die Sprache gelöst und war entscheidend für unseren gemeinsamen Weg.» Und sie fügt an, was sie andernorts beobachtet: «In anderen Ländern sehe ich noch immer zu oft, dass Kernenergiebefürworter innerhalb ihrer eigenen Partei angegriffen werden.»
Fehlen Kernkraftwerke, werden 85 Prozent des Stroms durch Importe ausgeglichen
Genau daran lässt sich der Genfer Abend messen. Eine Debatte, zu der eine Seite nicht erscheint, ist keine. Dabei wäre sie fällig: Zentrale Argumente der Kernenergiegegner halten einer Prüfung nicht stand – das zeigt der neue Report «Ja zu neuen Kernkraftwerken. Sieben Behauptungen der Gegner im Faktencheck», den WePlanet DACH (also wir) gemeinsam mit dem Anthropocene Institute vorgelegt haben.
Zu den Ergebnissen des Reports gehört auch: Standen Schweizer Kernkraftwerke nicht zur Verfügung (etwa aufgrund von Revisionen), wurden in der Vergangenheit über 85 Prozent des fehlenden Stroms durch Importe ausgeglichen – nicht durch inländische Wasserkraft, obwohl dies oft behauptet wird. Die Folgen waren erhöhte Abhängigkeit der Schweiz vom Ausland, höhere Preise und zusätzliche Emissionen. Geht man von den Modellen der Stromwirtschaft aus, ist kaum zu erwarten, dass sich dieser Zusammenhang in Zukunft grundsätzlich ändert. Der Report zeigt so die drohenden Probleme, sollten die Schweizer Kernkraftwerke eines Tages ohne gleichwertigen Ersatz vom Netz gehen.
Am Ende des Interviews wird Törmänen gefragt, ob die antinuklearen Ökologen von gestern seien. Ihre Antwort fällt deutlich aus: «Ja, von gestern. […] Wer den Ausstieg aus der Kernenergie höher gewichtet als den Ausstieg aus den fossilen Energien – bei dem sehe ich nicht, wie er ein echter Klimaaktivist sein kann.»
Das Interview mit Tea Törmänen erschien am 24. September 2026 in 24heures. Der Report ist unter www.ja-kernkraft.ch verfügbar.